Kommentar: Vergaloppiert sich das Rössle?

1

1. August 2017 von killesberger

Als DER KILLESBERGER Ende 1983 nach Stuttgart zog, wurde er von Hamburger Kollegen bedauert , war im Job irritiert wegen des Dialekts und privat noch irritierter wegen der ungewohnten, provinziell scheinenden Merkwürdigkeiten: modische Faux-pas’ ohne Ende („Hauptsach’ isch doch, me hett e saubers Unterhösle o!“), Kehrwoche (mit Erinnerungsholzbrettchen an der Wand neben der teuren Mietwohnung) und Sperrstunde um 23 Uhr. (Siehe dazu Artikel in der Blog-Rubrik „Schwäbisches“).

In der Folgezeit hat sich erfreulicherweise viel in der Stadt verändert: Mit den Fantastischen Vier zog der Hip-Hop ein, mit neuen Clubs Leben in die City, mit wenigen neuen Gebäuden moderne Blickpunkte in die Stadt. Und die Sperrstunde ging ins Bett der Spießigkeit. Sieht und liest DER KILLESBERGER heute nach 33 Jahren, wie sich die Stadt entwickelt hat, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass sich eventuell mehr Rückschritt als Fortschritt anbahnt:

Die ehemalige Club-Meile Theodor-Heuss-Straße wird zur Langeweiler-Allee durch immer mehr Auflagen für die Gastronomen und eine Blitzer überwachte 30-km/h-Regelung nach 22 Uhr für ein paar Vollgas-Idioten. Die Außengastronomie in der City erhält zeiger-, zentimeter- und dezibelgenaue Vorgaben zum Schutz von sommerlichen 22-Uhr-in-der-City-Jammer&Mecker-Schlafmützen; wie am Wilhelmsplatz oder in der Tübinger Straße. Und das für eine sogenannte Großstadt kleinstädtisch-harmlose Rotlichtviertele in der Altstadt soll zur behördlich verfügten und medial verbreiteten Igitt-Area werden, verirrt sich aber meist in juristischen Peepshows mit den Hausbesitzern- oder -mietern. Bedauernswert sind hier nur die ausgebeuteten Armuts-Prostituierten, vorwiegend aus Osteuropa, und ein paar verirrte Freier, Spanner und Spinner, die man mit einer dümmlichen F-Wort-Plakatkampagne von dummgeilen Absichten abzuschrecken versuchte.

Die seit Jahren bestehende Gefahr für Schüler und die Beseitigung des Unfallschwerpunkts der Mehrfach-Kreuzung Kräherwaldstraße/Doggenburg/Herdweg/Lenzhalde wurde vertagt. Bretterverschläge auf der Straße werden als „Parklets“ gefeiert , um Parkplätze zu besetzen, die per „Parkraum-Management“ ohnehin verdrängt werden. Dazu sollen weitere 200 City-Parkplätze wegfallen: „Kauf vor Ort“ und schlepp’s dann heim.

Der meist spärlich frequentierte Fuß- und Radweg an der Hauptverkehrsachse Kräherwaldstraße wurde teuer erweitert, die von Berufspendlern, Buslinien und Lkw’s stark genutzen Fahrbahnen zwischen zwei Autobahnen dafür verengt. 50-km/h-Zonen führen Stau fördernd in 40-km/h-Zonen, die in 30-km/h-Zonen übergehen. Autoabgase der Autostadt, die keine Autos mehr will, werden zu Feinstaub mit Alarm, was eine vertrocknende Mooswand und ein friedlich-sprühender Wasserwerfer nur halb so schlimm machen sollen. Nicht genug, droht in jüngster Zeit dank Diesel-Desaster diesen Fahrzeugen in Stuttgart ein Fahrverbot. Und RTL titelt in seinen News vom 28.07.2017: „Stuttgart, die dreckigste Stadt Deutschlands“.

ÖPNV ist mangels Budget oder Kundenorientierung ÖPSV – Öffentlicher Personen-Sparverkehr mit eingebauter Tariferhöhung … Und die U5 vom und zum inzwischen stark bewohnten und belebten Killesberg verkehrt nach früherem 10-Minuten-Rhythmus heute nur noch im 20-Minuten-Takt. Aus zwei Rolltreppen an dieser U-Haltstelle wurde eine, die nach Bedarf rauf- oder runterrollt. Und sich seit Monaten als rot-weiß-bewehrte bewegungslose Baustelle zeigt. Trotz Aka, Augustinum und Killesberghöhe. Umsteigen? Klar, aufs Auto, sagen sich da der Senior von der Halbhöhe und die Verkäuferin aus Waiblingen. Denn Radfahren ist für beide eher keine Option; auch, wenn’s so gerne amtlich propagiert wird.

An den schönsten Plätzen der Stadt macht sich Müll breit; mangels Abfalleimern und mangels Personal, diese, wenn vorhanden, oft genug zu leeren. Sparen ist eben nicht immer eine Tugend. Obwohl, man weiß ja nie … bei 231 Mio. € Überschuss. OB Kuhn will „auf dem Killesberg Blumen durch ein sattes Dauergrün ersetzen“. Und so 118.000 € im Jahr einsparen. Kein blühender Gedanke. Genauso wenig wie die jüngste Überlegung, die Freilichtbühne im Höhenpark aus Kostengründen aufzugeben.

Nicht zuletzt wird die Stadt der Architekten zur Stadt der Abrissbirnen und Absperrbaken. Durch S 21, aber auch, weil Verkauf mehr bringt als Erhalt. Der notgedrungenen Nachkriegs-Einfallslosigkeit der 1950-er-Jahre folgt die schnelle Lieblosigkeit der 2000-er; mit Neubauten, die weder neu noch nach Bauten aussehen. Die Stadt feiert ein neues „Luxus“-Shoppingquartier, beklagt, dass „Scholz am Markt“ weg ist, lässt jedoch den Marktplatz einschließlich Brunnen vor seinem Rathaus und dessen frühere Gastronomie veröden. Ideen zu seiner Wiederbelebung? Im Aktenschrank. Sozialer Wohnungsbau ist in der Stadt der Wohnungsnot ein Relikt aus den 1950er-Jahren, bezahlbarer Wohnraum ein Wunschtraum selbst für Menschen mit mittleren Einkommen. Dafür wurde das ehemalige Bolz-Haus an der Ecke Am Kriegsbergturm/Eduard-Pfeiffer-Straße im Frühjahr 2017 nach langem Leerstand eilig platt gemacht und erfreute bis Ende Juli als Schuttplatz mit Stadtblick Spaziergänger.

Es sei denn, sie gehören zur Spezies der Podarcis muralis, vulgo Mauereidechse. Dann stellt ihnen die Stadt in bester Wohnlage am Killesberg, genauer am Tazzelwurm/Parlerstraße, speziell gestalteten Trümmerlandschafts-Wohnraum für rund 15 Mio. Euro zur Verfügung. Das neue teure, hässliche Kriechenland wird gebraucht, weil die lieben geschützten Tierchen wegen des S 21-Baus umgesiedelt werden müssen. Auf ein 30.000-qm-Wiesengelände, das durch temporäre Nutzung eines Kinderzirkuszeltes einst zum Zankapfel wurde. Ei, sagt da die Dechse, wie doof ist das denn?

Irgendwann muss aus der Großstadt Stuttgart, die sich so gerne mit echten Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin misst, doch wieder das grüne Dorf Stutengarten werden, oder? Vorher empfiehlt sich eine Radtour oder Kutschfahrt nach Hamburg, Berlin oder München, vielleicht sogar nach Wien oder Paris. Die können alles – und außer in Hamburg – ebenfalls kein Hochdeutsch. Auf jeden Fall können sie ÖPNV ohne dörfliche Taktung und teure Tarife. Und sie bringen Nightlife und Nörgler, Radfahrer und PS-Rennfahrer in Koexistenz auf eine Spur.

Ach, Stuttgart, selbst, wenn man mehr als drei Jahrzehnte hier lebt – was zeigt, dass man dich schon irgendwie liebt – fällt gerade dies oft ziemlich schwer. Du hast so viele schöne Seiten, die du meist „hälinge“ versteckst. Oder scheußlich verbaust: wie den Blick von der Türlenstraße auf die gegenüberliegenden Weinberge. Da wird die sehenswerte Stadtbibliothek durch ein hässliches Billig-Einkaufszentrum zugekleistert, das ein paar Meter weiter von einem Beton-mit-Glas-Türmchen gekrönt wird, das eine cloud für Hotelgäste werden will. Liebes Stuttgart, du hast auch so manche neue, unschöne Seite, die leider oft genug zum bundesweit negativen Aushängeschild wird, meint bedauernd, jedoch ganz subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Allwissen DER KILLESBERGER.

„Und wo bleibt das Positive?“ schrieb Erich Kästner einst. Auch das gibt es natürlich in Stuttgart: Die Offenheit der Stadt gegenüber Fremden. 8.500 Geflohene kamen 2015/16 hierher und wurden von der Stadt, in der Menschen aus 170 Nationen ein Zuhause haben, wie von zahlreichen ehrenamtlichen Freundeskreisen willkommen geheißen. Ach, liebes Stuttgart, du hast ein vielfältiges kulturelles Angebot von Ballett bis Slam, Oper bis Jazz, hast -zig Top-Restaurants und Kneipen, Schwimmbäder, Treppen namens Stäffele als kostenlosen Ersatz für Fitnessclubs, Weinberge in Sichtweite, ein Flüsschen, das drunter und einen Fluss, der vorbeifließt, Einkaufsmöglichkeiten zwischen Hartz und Hummer, hervorragende Schulen zwischen ABC und Abi, Ausbildungsstätten und Uni, mehr lukrative Arbeitsplätze als willige oder fähige Arbeitnehmer … und fast überall reichlich Grün. Wenn nur die „Grausamkeiten“ da und dort nicht wären. In einer Stadt, die sich nicht ständig mit anderen Städten vergleichen und die auch keine „Metropole“ sein muss. Nur da und dort ein wenig innovativer denken und handeln könnte. ‚Weg mit den Autos’ scheint derzeit das einzige „Zukunftskonzept“ der Stadt von Benz, Porsche und Bosch zu sein. Darüber hinaus geht im Radhaus anscheinend der Rat aus. Na dann gute Fahrt.

Ein Kommentar zu “Kommentar: Vergaloppiert sich das Rössle?

  1. Günter Ronowski sagt:

    Unser Wohlstand ist gefährdet.
    Die Auto-Stadt und ihre maßgeblichen „Steuermänner“ haben übersehen, dass es einen bundesrechtlichen Schutz der Diesel und Benziner mit grüner Plakette gibt.
    Die Executive hat hier keine rechtliche Handhabe, so lange es keine bundesweite Gesetzesänderung gibt. Es ist mit einer großen Klagewelle gegen die Stadt zu rechnen.
    Das Gesamtvolumen der Entwertung von den betroffenen Autos in der Region Stuttgart wird bei weit über einer Milliarde Euro liegen, ein noch nie dagewesener ideologisch motivierter Eingriff in die Freiheitsrechte der Bürger. Deutschland hat eine geringe Quote an Immobilieneigentümern, deshalb hat der Besitz eines Privat-Pkws für die Bürger eine hohe Bedeutung. Die wertvollste Sacheigentumsposition nach der Immobilie ist für viele Bürger, dass äußere Zeichen für Mobilität und damit persönlicher Freiheit, vernichtet man den vermögensmäßigen Wert dieses Eigentums zumindest teilweise, so vernichtet man einen Teil des „Lebenswerkes“ seiner Bürger.
    Viele Menschen werden, das nicht mehr so einfach hinnehmen und orientieren sich dann an den „Programm-Lügen“ extremer Parteien.
    Für Investitionsentscheidungen in ein Kfz. hat der Bund bisher belastbare Vertrauensgrundlagen geschaffen – bis heute. Sollte die Stadt, Zufahrtsverbote aussprechen, trotz grüner Plakette, wird Stuttgart teilweise vom restlichen Verkehrsnetz der Bundesrepublik getrennt – das ist rein rechtlich ein Unding und zeigt was ideologische Verbohrtheit alles anrichten kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Freundeskreis Killesberg

Was wann geschah…

August 2017
M D M D F S S
« Jul   Sep »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
%d Bloggern gefällt das: