KOMMENTAR: Von der Stadt zum Städtle?

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31. Juli 2016 von killesberger

Andreas Müller %22Gartenstühle%22 1979Als DER KILLESBERGER 1983 dem Ruf eines Headhunters folgte und von Hamburg nach Stuttgart wechselte, wurde er bei seinem damaligen Arbeitgeber bedauert: „Nach Stuttgart wollen Sie?“ Dass jemand aus beruflichen Gründen vom „Tor zur Welt“ in die „Metropole zwischen Hängen und Würgen“ ging – so die damals verunglimpfende Verballhornung des Stuttgart-Claims – konnte ein weltoffener, liberaler Hamburger nicht fassen. Und viele der zuvor für Satire gehaltenen Vorurteile über die Spießigkeit der Stadt, von Kehrwoche bis Sperrstunde, erwiesen sich 1984 als Realität. 

In den folgenden dreißig Jahren hatte sich dann erfreulich viel gewandelt: Stuttgart wurde optisch jünger, seine Bewohner in Lifestyle und Outfit weniger provinziell, der Hip-Hop hier geboren, die Clubszene lebte auf, baulich und modisch wandelte sich das Bild. Baulich zwar zum Großen, nicht immer aber zum Guten, vom Schönen ganz zu schweigen. Einen kleinen, mit zustimmendem Lachen verkraftbaren Rückschlag brachte der wahre, wenn auch dämliche Claim „Wir können alles außer Hochdeutsch“.

Das alles hat Stuttgart noch lebens- und liebenswerter gemacht. Seit einiger Zeit hat sich jedoch manches verändert. Eine stellenweise sich neu erfinden wollende Stadt scheint ihre altbackenen An- und Absichten zeitgeistgerechter Urbanität demonstrieren zu wollen; auf dem Weg zurück zum Städtle. Dieser Weg ist nicht nur grün, wogegen nichts zu sagen wäre, er scheint zuweilen altersgrau: Eine in zwei Richtungen dreispurige Innenstadtachse darf nur mit 50 km/h befahren werden, ab 22 Uhr wird sie 30er-Zone, bestückt mit etlichen Blitzsäulen, wie sie schon vorher auf einer anderen Ein- und Ausfallstraße reichlich Geld einblitzten. Bei der einen sollen ein paar durchgeknallte Raser erzogen, bei der anderen der Feinstaub bekämpft werden.

Dem geht man auch mit der Einrichtung von immer mehr 40er-Zonen auf Steigungsstrecken zu Leibe; bei einer Hügel-Kessel-Stadt ein einträgliches Geschäft. Eine andere wichtige Verkehrsachse zwischen zwei Autobahnanschlüssen wird für Pkw’s verschmälert, damit ein paar Radfahrer mehr Platz und ein paar Fußgänger weniger Angst haben. Ein Parkhaus am Rathaus wird abgerissen, andere könnten folgen. Die Innenstadt ist gepflastert mit rot-weißen Baken und das lächerlich winzige Rotlichtviertelchen war es mit dümmlichen Plakaten in drastischer Gossensprache. Die sollten gedankenlose Freier gegen Zwangsprostitution aufrütteln. Und haben Kindern ein F-Wort beigebracht. Apropos Rotlicht: Dazu passt ein Artikel in BILD-Online, der darüber berichtet, dass diverse städtische Ampeln für Autofahrer und Fußgänger bewusst längere Rotphasen schalten, um sie auszubremsen. Ausgebremst wird auch mancher Gastronom: Denn Außengastronomie wird städtisch penibel vermessen und mit lästig-langen Vorschriften überzogen, wenn überhaupt genehmigt. Nach 22 Uhr hat, auch im Sommer in der Stadt, bitte gefälligst dörfliche Ruhe zu sein. Schnarch!

Für Ruhe sorgt auch ein U-Bahntakt, der beispielsweise zwischen Killesberg und City auf brave 20 Minuten fixiert wurde. Ein Parkraummanagement vertreibt Autofahrer in kostenfreie Nachbarstraßen und bittet private wie gewerbliche Anwohner zur Kasse. Ratlos dagegen ist man, wenn zu Großereignissen wie MercedesCup oder Lichterfest mehr als zwei Pkw’s Parkplätze suchen. Oder die Umlandkäufer eines Mammutcenters per Auto kommen und dies frecherweise in Nachbars Nebenstraßen abstellen.

Den Autoverkehr in einer engen Stadt wie Stuttgart zu kanalisieren ist sicher ein löbliches Ziel, den ÖPNV dafür in Taktung und Preisen nicht attraktiver zu gestalten, eher ein unverständlicher Widerspruch. Offiziell begrüßenswert dagegen sind anscheinend so genannte Parklets, eine mit Brettern vernagelte Privatwelt auf Parkplätzen, als Einladung zum dörflichen Kuscheln. Es sei denn, man verliebt sich in die grüne Präferenz des private gardening à la Omas Schrebergarten, um vor der Haustür eine Löwenzahnplantage oder ähnliches anzulegen. Vielleicht als Ersatz für die mangelnde Pflege öffentlicher Grünanlagen, die dank oft fehlender oder nur sporadisch geleerter Mülleimer und seltener Reinigung zu öffentlichen Abfallanlagen zu werden drohen. Grün kann eben manchmal auch ziemlich schillernd sein.

Und eine große Stadt wieder so werden, dass der wohlmeinende potenzielle Neubürger vom skeptischen Nicht-Schwaben gefragt wird: „Nach Stuttgart wollen Sie?“ 

Abb.: Lithografie, signiert, nummeriert 17/100, Rainer Müller „Gartenstühle“/Privatbesitz

 

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