220 mal Hoffnung und ein Engel aus Degerloch

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17. Februar 2014 von killesberger

Tunzhofer Strasse 18021401Über die heile, helle Welt der Killesberghöhe wird hier viel berichtet; heute mal über das Gegenteil: die Caritas-Flüchtlingsunterkunft in der Tunzhofer Straße. Hier leben derzeit 220 Menschen aus 24 Ländern mit diversen Sprachen, Hautfarben, Religionen. Und wie? DER KILLESBERGER hat sie besucht. Und dankt der freundlichen Vermittlung und Unterstützung der Caritas-Mitarbeiterinnen Frau Trabelsi (Fachdienst-Leitung) und besonders Frau Knapp, die vor Ort so geduldig wie freundlich Auskunft über das Haus und seine Bewohner gab. Die ausgebildete Sozialarbeiterin aus Stuttgart-Degerloch kümmert sich seit 22 Jahren in diversen Stuttgarter Stadtteilen um Migranten und Immigranten.

Deutsche Flüchtlinge gab es zuletzt vor 69 Jahren nach Ende des 2. Weltkriegs. Kriege gibt es noch immer und noch immer Flüchtlinge. Sie landen überall auf der Welt, wenn man sie lässt. Sie bezahlen dafür, manchmal auch mit ihrem Leben; vielleicht im Meer vor Lampedusa, an einem Grenzzaun der spanischen Exklave Ceuta in Marokko, in einem syrischen Flüchtlingslager im Libanon oder … Sie kommen aus Angst vor dem Tod, vor Folter und Vergewaltigung. Oder „nur“ aus purer Not und Angst vor Armut; vielleicht sogar vorm Verhungern. Manchmal kommen sie sogar in die Tagesschau. Obwohl sie nur in ein neues Leben wollten.

Das neue Leben beginnt in Karlsruhe

Ein neues Leben wollen hier in einem unscheinbaren Gebäude auf dem Gelände des Bürgerhospitals auch die einzelnen Frauen und Männer (rd. 50%), Ehepaare und Familien vom einwöchigen Baby bis zur 60-jährigen. Trotz brauner oder schwarzer Hautfarbe wirken ihre Gesichter oft so grau wie dieses Haus. Ihre lange Odyssee – zum Beispiel als Nordkoreanerin über die Berge nach China, oder als Uigure aus dem Norden Chinas über ein russisches Arbeitslager gen Westen, aus dem umkämpften Syrien, aus Afghanistan oder Zentralafrika – endete bei der Erstaufnahme in Karlsruhe und führte von dort nach Stuttgart. Seit 18. Juli 2013 besteht diese Einrichtung, in die damals 40 Personen zogen. Ziel ist für alle, deren Hab und Gut bestenfalls ein paar Plastiktüten füllt, der Asylantrag. Ein Jahr Wartezeit kann bis zur Anerkennung vergehen. Das heißt ein Jahr Tunzhofer Straße, wo in den ehemaligen Krankenzimmern der früheren Psychiatrie jetzt bis zu drei Menschen und ihre individuellen Psychen aus drei Ländern und Kulturkreisen miteinander auskommen müssen. Oder komplette Familien sich einen der Räume teilen. Ihr Monatsbudget: 364 Euro, der bundeseinheitliche Regelsatz des Sozialamts.

Babylon und e bissle Schwäbisch

Sie sprechen Urdu oder Farsi, Hindi oder Arabisch, Kirgisisch oder Russisch, manche auch Französisch oder Englisch. Und doch verstehen sich die meisten, von einzelnen Konflikten abgesehen. Konflikte, die es überall gibt, wo viele Menschen unterschiedlicher Herkunft auf relativ engem Raum zusammenleben müssen. Ob sie nur an sich, an nix, an Allah, Buddha oder den lieben Gott glauben. Oder an die ewige Liebe, was dann und wann auch passiert – Herkunft hin, Religion her. Da alle trotz verschiedener Startpunkte und Biografien das selbe Ziel und hier auch die selben Bedingungen haben, ist ihr Zusammenleben weitgehend friedlich, überwiegend von gegenseitiger Hilfe geprägt. Eine der wichtigsten Voraussetzungen, dieses Ziel – in Deutschland zu bleiben – zu erreichen, ist Deutsch zu können. Was Kindern oft wortwörtlich spielend gelingt, müssen die Erwachsenen per Sprachunterricht erreichen. DER KILLESBERGER durfte in eine der Unterrichtsstunden hineinschnuppern.

Sie oder du, der, die oder das?

Hat schon der normale Schwabe dann und wann Probleme mit dem richtigen Artikel und streicht möglicherweise „der“ Butter aufs Brot statt „die“, sitzen hier im Konferenzraum der Flüchtlingsunterkunft Tunzhofer Straße fünf Männer und eine Frau aus fünf Ländern zusammen und machen gerade einen Deutschtest: Wann sagt man Sie, wann du? Ist es der Brot oder das? Und warum heißt der Mann im Lehrbuch Otto? Was für uns eventuell kindisch klingt, ist gar kein Kinderspiel. Wenn man, wie die erwachsenen Schülerinnen und Schüler hier, aus Pakistan, Kamerun, Syrien, Algerien und Afghanistan kommt. Wer wüsste das besser als die junge Lehrerin, studierte Sprachwissenschaftlerin, und selbst Ungarin aus Serbien. Geduldig erklärt sie, fragt ab, hört zu. Und DER KILLESBER hört erstaunt, wie gut Menschen, die gerade mal 9 oder höchstens 18 Monate hier leben, Deutsch sprechen und verstehen: Der ehemalige Polizist aus Syrien, der Telefontechniker aus Pakistan, der Installateur aus Kamerun … Sie alle wollen einmal in Deutschland arbeiten. Und sei es als Fußballer wie der junge Mann aus Kamerun, der natürlich gerne zu Bayern München ginge. Bis dahin muss er, wie die anderen, 100 Stunden Deutsch absolvieren: zweimal die Woche drei Stunden. Als Fußballer für Bayern dürfte das reichen. Beim VfB müsste er vielleicht noch Schwäbisch können. Dass es auch diese deutsche Sprache gibt, haben sie hier bereits mitbekommen. Und sei es durch die Brezeln, die zum Frühstück gereicht werden. Die französischsprachigen Kameruner dürfen auch ein Croissant nehmen. Aber irgendwann sollten sie beim Einkaufen, Arztbesuch, in der Straßenbahn und im Alltag so viel und so gut sprechen können, dass man sie hierzulande versteht; vor allem, dass sie einen Arbeitsplatz bekommen.

Vom UMF und anderen Kuriositäten

Ein ganz neues Wort jenseits aller Sprachkenntnisse lernte DER KILLESBERGER durch Frau Knapp: „UMF“, das ist im Amtsdeutsch, der schwierigsten aller Sprachen, ein „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“. Von dem erzählt sie und von seiner späteren Weigerung, weiter zur Schule zu gehen. Gar nicht erst in der Tunzhofer Straße angekommen ist eine junge schwangere Frau, die im Bus von Karlsruhe bei Leonberg Wehen und später ein gesundes Baby bekam. Was einer anderen jungen Frau aus dem Irak noch bevorstand. Sie hat mit Hilfe einer ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeiterin wegen einer vorgesehenen Impfung erstmals einen Schwangerschaftstest gemacht. Tja, dagegen kann man sich nun mal nicht impfen lassen.

Killesberghöhe? Hier ist eher das Gegenteil. Und dennoch sind diese 220 Nachbarn, Mit-Menschen, denen wenigstens Toleranz gebührt, wenn schon nicht Mit-Gefühl. Denn deutsche Flüchtlinge gibt es ja nicht mehr. „Keine Deutschen unter den Opfern“ heißt es bei Katastrophen oft in den Nachrichten. Gottseidank!?

Fotos: Flüchtlingsunterkunft Tunzhofer Straße, alle mit Genehmigung der gezeigten Personen

Frau Knapp Tunzhofer Strasse 18021402 Tunzhofer Strasse 18021403

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