„Hängerle, Stellerle, Bäpperle“

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6. August 2013 von killesberger

De mortuis nil nisi bene“ sagt der Lateiner und meint, über Tote solle man nur Gutes, also nichts Schlechtes sagen. Aber was Luschdiges über meinen ehemaligen, leider viel zu früh verstorbenen Art Director Jürgen werde ich ja hier wohl noch schreiben dürfen. Schließlich verstarb er an dem wenigen, dass wir gemeinsam hatten: hohen Zigarettenkonsum. Na, vielleicht noch hohen Blutdruck. Der uns vor allem einte, wenn wir gemeinsam Auto fuhren.

In meinem Wagen klammerte er sich als Beifahrer mit zwei Händen an den Haltegriff, warnte mich vor der nächsten roten Ampel, die man höchstens als Adler bereits sehen konnte und hatte Schweißperlen auf der Stirn, wenn ich wenige Meter davor per Vollbremsung stoppte. Ich dagegen bekam Herzrasen, wenn ich bei ihm mitfuhr: Im zweiten Gang mit 30 km/h die Lenzhalde hoch und als Aschenbecher das Radiofach benutzt, das er nicht brauchte. Aber er war einer meiner kreativsten, wenn auch schwierigsten AD’s.

In seiner ehemaligen Agentur soll er mal einen Stuhl aus dem Fenster geworfen haben, bei uns hat er nur die Heizung schon im Spätsommer auf Winterbetrieb hochgedreht. Um ein Raumklima zu erzeugen, in dem man Bananen hätte züchten können oder einen Herzinfarkt kriegen. Trotzdem trug er seine dicke Lederjacke und fror. Frostig war auch sein Verhältnis zur Einführung des Macs – er weigerte sich, mit dem „neumodischen Scheiß“ zu arbeiten. Und malträtierte lieber Kopierer, „Lucy“ und Berge großformatigen Papiers.

Irgendwann hat er mich zu einem New Business-Gespräch begleitet. Der potenzielle Kunde wollte neben einer klassischen Kampagne noch diverse Handelsaktionen gestaltet haben. Worauf mein AD mit hochrotem Kopf und selbstbewusst sagte: „Noi, wisset Sie – Hängerle, Stellerle, Bäpperle machet mir net!“ Gemeint waren damit Displays, Aufsteller, Aufkleber und andere Aktionsmaterialien, die besonders der Handel in der so genannten Verkaufsförderung einsetzt.

Seine äußerst individuelle, wenig angepasste und nicht sehr teamfähige Art führte letztlich dazu, dass wir uns trennten. Bevor ich ihm das sagte, entfernte ich alle Wurf-, Stich-, Hieb- und Schlaggegenstände aus meinem Zimmer und setzte mich mit dem Rücken zur Wand. Wider Erwarten blieb er lammfromm, was er ebenso sein konnte und auch oft genug war. Wir trennten uns in Frieden und trafen uns später noch öfter. Er starb zu früh. Denn seine Ideen waren so vielfältig wie ungewöhnlich. Nur das Filtern war schwierig. Denn Strategie und Konzept waren eher sekundär für ihn, entscheidend war ein spektakuläres Bild. Und dafür hatte er den Blick. Nur mir fehlte manchmal die Einsicht, was denn nun beispielsweise ein Bild mit fünfzig Dalmatinern mit der Leistung einer Bank zu tun hat. „Schreibsch halt e gude Headline!“ war sein Rat. Doch auf diese ungewöhnliche Art entstanden diverse ungewöhnliche Kampagnen, die sich heute noch sehen lassen können. Danke, Jürgen.

Nächstes Mal: „An d‘ Wand na‘ klatsche!“

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