Der Tischler

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30. Juli 2013 von killesberger

Sie waren ein kongeniales Paar, meine früheren Chefs und späteren Seniorpartner, wie man es – zumindest in der Werbewelt – nicht allzu häufig fand und heutzutage findet:

Günter Leonhardt, der millimeterpräzise, pingelige Diplom-Grafikdesigner, der eloquente Entertainer und Bonvivant, genussfreudige Gourmet, reiselustige Globetrotter und eitle Frauenschwarm. Und Wilhelm Kern, der tiefgründig-geistreiche, brillante Texter, erfahrene Marketingfachmann, clevere Geschäftsführer, liebevolle Familienvater und überzeugte Christ.

Beide Schwaben durch und durch, im Denken, Handeln, Sprechen. Bei hochdeutsch parlierenden Kunden schwätzten beide zu meinem Horror bewusst breitestes Schwäbisch: „Ha, der soll sich dra‘ g’wöhne!“ Und sie freuten sich kindisch, wenn ich übersetzen musste, weil der Kunde höchstens eines verstand: Hier sitzen zwei ausgebuffte Werbeprofis, die nicht nur verdammt viel Know-how und Kreativität, sondern ebenso viel Schalk hinter den Ohren haben. Und jetzt erst mal dem Nordlicht zeigen, wo’s langgeht. Was allerdings nicht jedem Marketingleiter aus norddeutschen Landen gefiel; mir auch nicht immer.

Präsentierte sich der eine, Günter Leonhardt, meist in noblen Anzügen, Business-Hemd und passender Krawatte, erschien der andere, Wilhelm Kern, oft wie ein Wirt oder Winzer: in Karohemd und Kordhose. Was in Hamburg absolutes „no go“ gewesen wäre, war für ihn, den unprätentiösen Feingeist – dem Sein stets mehr war als Schein – völlig normal.

Fast aufgeregt kam er irgendwann einmal während Renovierungsarbeiten in der Agentur in mein Büro und erzählte mir stolz, dass ihn gerade der Maler gefragt habe: „Bisch du de Tischler?“ „Noi, i bin de Chef!!“ antwortete er ihm fast verschämt. Ein Schwabe eben, wie ich sie liebe. Sie mögen „Rolex“ tragen und „Porsche“ fahren, sie sind vor allem Mensch. Günter Leonhardt und Wilhelm Kern waren beziehungsweise sind nicht die Einzigen dieser Art, die ich beruflich und privat kennen-, schätzen und dafür lieben lernte. Allerdings gibt es, nicht nur in der Werbebranche(!), auch die anderen und inzwischen immer mehr davon: die schrillen, lauten „Gugget-Se-nur-wer-ich-bin“-Typen, denen die Amexco-Platin-Card zum Tanzboden ihrer Eitelkeiten wird. Oft stehen sie nicht sehr viel später im Handelsregister – unter der Rubrik „Insolvent“. 

Nächstes Mal: „‚S Kübele und ’s Kittele“

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