Ein Telefonat, ein Telegramm

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29. Juli 2013 von killesberger

Es ist schon 28 Jahre her, aber ich werde es nie vergessen. Weil ich es zuvor weder als Texter noch als Marketingmanager und erst recht nicht als Journalist erlebt habe: schwäbische Fürsorge und Solidarität am Arbeitsplatz. In einer der besten Werbeagenturen Deutschlands. Durch Wilhelm Kern, einen der Agenturinhaber.

Es war mein zweites Jahr, 1985, eine Woche vor meinem bereits gebuchten Urlaub mit Frau und Kindern. Etwa vier Wochen zuvor hatten wir eine erfolgreiche Präsentation vor einem namhaften Büromöbelhersteller. Mit einer doppelseitigen Anzeigenkampagne, die im Frühherbst starten sollte. Was fehlte, war die Freigabe der so genannten Reinzeichnungen der fünf Startmotive, aus denen später die Anzeigen in SPIEGEL, STERN und anderen Magazinen werden sollten. Nur der Kunde, genauer, sein dafür zuständiger Marketingleiter, meldete sich nicht. Und ich wollte am Montagnachmittag der kommenden Woche in Urlaub.

Mehrere telefonische Nachfragen brachten keinen Erfolg, der Entscheider war nicht erreichbar. Endlich, am Freitag meiner letzten Woche bekam ich ihn an die Strippe und die vielleicht schlimmste Kritik meiner bis dahin recht erfolgreichen Karriere. In mehr als deutlichen, zum Teil nicht wiedergabereifen Worten, gespickt mit persönlichen Beleidigungen, teilte mir dieser Marketingleiter mit, dass die Texte aller fünf Motive so nicht freigegeben würden. Es war Freitag, mein letzter Arbeitstag, Montagnachmittag Abflugtermin. Und jetzt: Desaster, Panik, Hilflosigkeit. Auch keiner meiner Kollegen hatte außer tröstenden Worten einen konkreten Rat. Mit Unterstützung eines CD’s (danke, Waldi!) übergab ich den gesamten Job an einen Texter-Kollegen (danke, Hans-Gerd K.), von dem ich wusste, dass er sehr gut, sehr sachlich, sehr präzise formuliert. Wenn auch weniger erzählend, weniger emotional. Aber das war es wohl auch, was den Kunden störte. Im Gegensatz zu meinen anderen Auftraggebern.

Auch mich ließ die giftige Totalkritik nicht los. Ohne konkrete Anhaltspunkte setzte ich mich am folgenden Samstag und Sonntag bei schönstem Sommerwetter auf unsere Terrasse und verpflichtete Frau und Kinder zu absoluter Ruhe („Seid ruhig, Papa muss arbeiten!“ wechselte als Mahnung meiner Frau zu „Seid ruhig, Papa muss schlafen!“). Was Briefing, Fantasie und Sprachvermögen hergaben, haute ich nach einem völlig anders angelegten Konzept als Alternativtext in die Schreibmaschine und brachte die Manuskripte Montagmorgen zur Agentur. Auch mein Kollege hatte inzwischen in seinem Stil sehr gute, neue Texte formuliert und an den Kunden gefaxt.

Es war vielleicht halb zehn morgens (um halb drei sollte unser Flieger abheben) und ich konnte endlich meinem Boss Kern von dem Fiasko berichten. Er sah sich meine übermittelten und neuen Texte an, hörte sich das Protokoll des Telefonats mit dem Kunden an und griff zum Telefonhörer. Es wurde ein längeres Gespräch, dem ich mit immer längerem Gesicht folgte. Mit deutlich formulierten Aussagen Wilhelm Kerns über Werbung, Markenstrategie, gute und weniger gute Texte und sachliche oder weniger sachliche Kritik an L&K-Mitarbeitern wie mir. Ein Gespräch, bei dem der Kunde wohl mit Kündigung des gerade gewonnenen, mehrere Millionen D-Mark schweren Etats drohte.

Ein Gänsehautgespräch, denn der entscheidende Satz von Wilhelm Kern fiel ziemlich zum Schluss: „Wisset Sie, Herr X, lieber verlieret mir ‚n gute Kunde als ‚n gute Texter.“ Ich bedankte mich, ich ging, wir flogen in Urlaub. Nach drei Zittertagen kam in dem kleinen  Urlaubsort an der spanischen Atlantikküste, Conil de la Frontera, ein Telegramm aus Stuttgart an: Der Inhaber der neuen Kundenfirma selbst hatte meine so heftig beanstandeten Ersttexte unverändert freigegeben. Unabhängig davon hatte ich – so stand es in dem Telegramm, das ich heute noch habe – von einer Fachjury den Preis „Bester Text des Jahres“ für eine Anzeige des L&K-Altkunden COR gewonnen. Es wurde dann doch noch ein schöner Urlaub.

Nächstes Mal: Der Tischler

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